Fertigkeiten
Kompass richtig benutzen: Navigation mit Karte und Kompass
Wer den Kompass richtig benutzen will, braucht drei Grundfertigkeiten: die Karte lesen (Maßstab, Höhenlinien, Gitter), mit dem Kompass eine Marschzahl aus der Karte abnehmen und diese Richtung im Gelände halten – während du die Entfernung über Schrittzählen und Zeit misst. Kommt die Missweisung dazu, navigierst du zuverlässig durch Wald, Nebel oder Dunkelheit, ganz ohne Akku.
Diese Anleitung führt dich von den Teilen eines Plattenkompasses bis zu Profi-Techniken wie Kreuzpeilung, bewusstem Vorhalten, Leitlinien und Angriffspunkten – Schritt für Schritt und mit den Zahlen, auf die es ankommt. Sie ist ein zentrales Kapitel unserer Bushcraft-Grundlagen und passt zu Navigation ohne Kompass, wenn dir nur Sonne und Sterne bleiben.
Schritt für Schritt
-
1
Karte einnorden
Dreh die Karte, bis ihre Nordlinien in dieselbe Richtung zeigen wie die Kompassnadel und das Gelände zur Karte passt.
-
2
Standort und Ziel verbinden
Leg die Kompasskante auf der Karte vom Standort zum Ziel, der Marschrichtungspfeil zeigt zum Ziel.
-
3
Marschzahl einstellen
Dreh die Kompassdose, bis ihre Nordlinien parallel zu den Nord-Süd-Gitterlinien der Karte liegen, Nordpfeil nach oben.
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4
Missweisung berücksichtigen
Zieh die örtliche Missweisung ab oder rechne sie dazu, wenn sie groß genug ist, um eine Rolle zu spielen.
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5
Der Marschzahl folgen
Kompass flach halten, drehen, bis die rote Nadel im Nordpfeil liegt, und von Geländepunkt zu Geländepunkt gehen.
-
6
Entfernung messen
Doppelschritte zählen und auf die Zeit achten, damit du weißt, wann du am Ziel sein müsstest.
Karte lesen: Maßstab, Signaturen und Einnorden
Eine topografische Karte ist ein maßstäbliches Modell der Landschaft von oben. Bevor du den Kompass in die Hand nimmst, solltest du sie flüssig lesen können – der größte Teil der Navigation passiert allein mit der Karte, indem du vergleichst, was auf dem Papier steht und was du um dich herum siehst.
Der Maßstab
Der Maßstab sagt, wie stark die Wirklichkeit verkleinert wurde. Auf einer Karte 1:25.000 entspricht 1 cm auf der Karte 25.000 cm – also 250 m – in der Natur. Auf einer 1:50.000er-Karte ist 1 cm gleich 500 m. Fürs Wandern, für Bushcraft und weglose Navigation ist 1:25.000 ideal: Die amtliche Topografische Karte (TK25) und gute Wanderkarten zeigen einzelne Pfade, Feldgrenzen, kleine Bäche und Waldarten. 1:50.000 deckt mehr Fläche ab und eignet sich für lange Touren und Radtouren.
| Maßstab | 1 cm auf der Karte = | 1 km im Gelände = | Geeignet für |
|---|---|---|---|
| 1:10.000 | 100 m | 10 cm | Orientierungslauf, Detailerkundung |
| 1:25.000 | 250 m | 4 cm | Wandern, Bushcraft, weglose Navigation |
| 1:50.000 | 500 m | 2 cm | Lange Touren, Überblick, Radfahren |
| 1:100.000 | 1 km | 1 cm | Tourenplanung, Anfahrt |
Signaturen und Legende
Jede Kartenserie hat ihre eigene Legende am Rand oder auf dem Umschlag. Lern die Zeichen für Wege und Pfade (durchgezogene, gestrichelte, gepunktete Linien), Waldarten (Laub-, Nadel-, Mischwald), Gewässer (Bäche, Teiche, Sumpf), Gebäude, Stromleitungen, Grenzen und Aussichtspunkte. Stromtrassen und Waldränder sind hervorragende Orientierungshilfen, weil sie lang, gerade und kaum zu übersehen sind.
Die Karte einnorden
Eine eingenordete Karte ist so gedreht, dass Norden auf der Karte nach Norden in der Wirklichkeit zeigt – dann liegt alles auf der Karte in derselben Richtung wie im Gelände. Du kannst auf zwei Arten einnorden: nach Gelände (Karte drehen, bis ein gerader Weg oder Bach auf der Karte mit dem echten übereinstimmt) oder mit dem Kompass (Kompass auf die Karte legen, Karte und Kompass gemeinsam drehen, bis die Nadel parallel zu den Nord-Gitterlinien zum oberen Kartenrand zeigt). Halte die Karte beim Gehen eingenordet und führ den Daumen an deinem Standort mit – so verlierst du nie den Überblick.
Karte mit dem Kompass einnorden
1
Dose auf N, Kante an eine NordlinieDreh die Dose so, dass N (0°) an der Ablesemarke steht. Leg den Kompass mit einer Längskante an eine Nord-Süd-Gitterlinie, Marschrichtungspfeil zum oberen Kartenrand.
2
Karte und Kompass gemeinsam drehenHalte den Kompass mit den Daumen auf der Karte fest und dreh beides als Einheit. Die Nadel zeigt weiter nach Norden, während sich die Karte darunter dreht – die Platte darf nicht von der Gitterlinie rutschen.
3
Stopp bei „Rot ins Haus“Liegt das rote Nadelende im Nordpfeil, ist die Karte eingenordet. Weg, Bach oder Waldrand vor dir verlaufen jetzt genauso wie auf dem Papier.
4
Daumen mitführenSteck den Kompass weg und halte den Daumen auf deinem Standort. An jeder Abzweigung drehst du die ganze Karte nach, damit sie eingenordet bleibt, und schiebst den Daumen beim Gehen weiter.
So sieht es richtig aus: Ein Weg, der in der Wirklichkeit nach links abgeht, geht auch auf der Karte nach links ab, und eine Kuppe vor dir liegt auch auf der Karte vor deinem Daumen. Wenn nicht, ist die Karte nicht eingenordet – oder du bist nicht dort, wo du glaubst. Die wenigen Grad Missweisung in Deutschland spielen dabei keine Rolle.
Nach Gelände einnorden geht ohne Kompass: Stell dich auf ein gerades Merkmal, das du sicher erkennst – Weg, Waldrand, Stromtrasse – und dreh die Karte, bis dasselbe Merkmal auf der Karte parallel dazu liegt. Prüf das dann an einem zweiten Merkmal, etwa einem Bach rechts von dir, denn ein gerader Weg passt in zwei um 180° verdrehten Lagen auf die Karte.
Höhenlinien lesen: die Form des Geländes
Höhenlinien verbinden Punkte gleicher Höhe. Sie verwandeln das flache Papier im Kopf in eine dreidimensionale Landschaft und sind die verlässlichsten Merkmale der Karte: Wege verändern sich, Wälder werden gefällt, aber Berge und Täler bleiben, wo sie sind.
- Äquidistanz: der Höhenunterschied zwischen zwei Linien – je nach Kartenwerk und Gelände oft 5, 10 oder 20 m; schau in die Legende. Jede fünfte Linie (Zähllinie) ist meist dicker und mit ihrer Höhe beschriftet.
- Eng beieinander = steil, weit auseinander = flach. Linien, die zusammenlaufen, zeigen eine Felswand.
- Täler und Rücken: Höhenlinien bilden V- oder U-Formen. Im Tal zeigt das V bergauf (zu höheren Zahlen), am Rücken oder Sporn bergab. Bäche verlaufen immer in den Tal-Vs.
- Kuppen erscheinen als kleine geschlossene Ringe; ein Sattel ist der tiefste Punkt zwischen zwei Kuppen, wie eine Sanduhr.
- Wo ist oben? Die Höhenzahlen stehen meist so, dass ihre Oberkante bergauf zeigt – oder du schaust auf Bäche, die immer bergab fließen.
Übe, das Gelände vorherzusagen, bevor du es erreichst: „In 300 m quert der Weg einen Bach am Grund eines steilen kleinen Tals und steigt dann sanft an.“ Stimmt die Wirklichkeit, weißt du, wo du bist. Stimmt sie nicht, bleib stehen und prüfe.
Gitternetz und Koordinaten (UTM)
Die meisten topografischen Karten tragen ein Gitternetz mit nummerierten Quadraten. In Deutschland und großen Teilen Europas ist das das UTM-Gitter, auf älteren Karten findet man teils noch das Gauß-Krüger-Netz. Auf einer 1:25.000er-Karte ist jedes Quadrat meist 1 km × 1 km groß (4 cm auf der Karte) – ideal, um Entfernungen schnell abzuschätzen.
Eine Koordinate beschreibt einen Punkt über den Rechtswert (senkrechte Linie, Zahlen steigen nach rechts) und den Hochwert (waagerechte Linie, Zahlen steigen nach oben). Immer zuerst den Rechtswert lesen – Merksatz: „Erst in den Flur, dann die Treppe hoch.“ Mit dem Planzeiger auf dem Kompass liest du die Position auf 10 bis 100 m genau ab. Für einen Notruf können Rettungskräfte mit UTM-Koordinaten oder GPS-Koordinaten arbeiten – übe, beides abzulesen.
Auch für die Kompassarbeit sind die Gitterlinien wichtig: An ihren Nord-Süd-Linien richtest du die Kompassdose aus, wenn du eine Marschzahl abnimmst. Gitternord weicht leicht von geografisch Nord und von magnetisch Nord ab – dazu gleich mehr bei der Missweisung.
Aufbau eines Kompasses: die wichtigsten Teile
Für die Kartenarbeit brauchst du einen Plattenkompass (auch Kartenkompass): eine durchsichtige Grundplatte mit drehbarer, flüssigkeitsgefüllter Kompassdose. Ein Spiegelkompass (Peilkompass) mit Klappspiegel und Kimme erhöht die Genauigkeit beim Anpeilen entfernter Punkte. Knopfkompasse und Kompasse in Uhren reichen für die grobe Richtung, aber nicht für die Kartenarbeit.
Die Kompassteile, die du kennen musst
- Grundplatte
- Durchsichtige Platte mit geraden Kanten zum Anlegen auf der Karte, dazu Lineale und Planzeiger.
- Marschrichtungspfeil
- Pfeil auf der Grundplatte, der nach vorn zeigt – in die Richtung, in die du gehst.
- Drehbare Kompassdose
- Ring mit Gradeinteilung 0–360° (manche Modelle mit 400 gon oder Strich); durch Drehen stellst du die Marschzahl ein.
- Ablesemarke
- Markierung am Fuß des Marschrichtungspfeils, an der du die Marschzahl abliest.
- Magnetnadel
- Das rote (Nord-)Ende zeigt nach magnetisch Nord. Von Metall und Handy fernhalten.
- Nordpfeil & Nordlinien
- Am Boden der Dose aufgedruckt; werden mit der Nadel bzw. den Gitterlinien der Karte ausgerichtet.
- Planzeiger
- Skalen zum genauen Ablesen von Koordinaten in 1:25.000 und 1:50.000.
- Spiegel & Kimme (optional)
- Für genaue Peilungen auf entfernte Ziele, typischerweise auf etwa 1–2° genau.
Zwei Dinge am Kompass bewegen sich, eines nicht. Die Grundplatte bewegt sich mit deinen Händen und deinem Körper, die Dose nur, wenn du sie drehst – und die Nadel folgt keinem von beiden, sie pendelt immer zurück nach magnetisch Nord. Fast jeder Kompassfehler entsteht, wenn man diese drei verwechselt: die Dose drehen, wo man sich selbst drehen müsste, oder die Nadel ablesen statt der Dose.
Kompassnadeln sind für eine Magnetzone austariert. Ein Kompass für die Nordhalbkugel kann auf der Südhalbkugel schleifen und hängen bleiben; „Global“-Nadeln funktionieren überall. Halte den Kompass beim Peilen von Handy, Messer, Autokarosserie und Stromleitungen fern – schon eine Gürtelschnalle aus Stahl kann die Nadel um mehrere Grad ablenken.
Marschzahl aus der Karte bestimmen – so geht es
Die Marschzahl (auch Kurszahl oder Azimut) ist eine Richtung als Winkel, im Uhrzeigersinn von Norden gemessen: 0° (bzw. 360°) ist Norden, 90° Osten, 180° Süden, 270° Westen. Die Marschzahl aus der Karte zu nehmen ist die Kernfertigkeit beim Kompass – in drei Schritten auf der Karte (1–3 unten), und die Karte muss dafür nicht einmal eingenordet sein. Schritt 4 berücksichtigt die Missweisung, Schritt 5 und 6 bringen die Marschzahl ins Gelände.
Von der Karte zum Geländepunkt: Marschzahl bestimmen und ihr folgen
1
Kante von A nach BLeg eine Längskante der Grundplatte so auf die Karte, dass sie deinen Standort A mit dem Ziel B verbindet. Der Marschrichtungspfeil muss von A nach B zeigen – prüf das zuerst, denn eine verkehrt herum angelegte Platte liefert eine saubere, aber um 180° falsche Marschzahl.
2
Dose nach Gitternord drehenHalte die Platte fest und dreh die Dose, bis die Nordlinien parallel zu den Nord-Süd-Gitterlinien liegen und N zum oberen Kartenrand zeigt. Die Nadel ist dabei egal, die Karte muss nicht eingenordet sein.
3
An der Ablesemarke ablesenLies den Wert ab, an dem die Dose die Ablesemarke trifft. Hier liegt B rechts oberhalb von A, abgelesen werden 50° – plausibel, denn alles im Nordosten liegt zwischen 0° und 90°.
4
Missweisung berücksichtigenRechne die Gitter-Marschzahl in eine magnetische um. Bei 3° östlicher Missweisung, wie in Teilen Deutschlands, ziehst du ab: 50° − 3° = 47°. Dreh die Dose, bis 47 an der Ablesemarke steht.
5
Körper drehen, nicht die DoseNimm den Kompass von der Karte und halte ihn flach vor der Brust, Marschrichtungspfeil nach vorn. Dreh dich mit dem ganzen Körper auf der Stelle, bis die Nadel zum Nordpfeil schwenkt. Die Dose bleibt unberührt.
6
Rot ins Haus – anpeilen und gehenLiegt das rote Ende genau im Nordpfeil, zeigt der Marschrichtungspfeil zu B. Such einen Geländepunkt auf dieser Linie, steck den Kompass weg, geh unter Doppelschritt-Zählen hin und wiederhole das.
So sieht es richtig aus, bevor du losgehst
- Marschrichtungspfeil zeigt auf der Karte vom Standort zum Ziel
- Nordlinien parallel zu den Gitterlinien, N zum oberen Kartenrand (nicht zum unteren)
- Die Zahl passt zur Richtung auf der Karte: Nordost 0–90°, Südost 90–180°, Südwest 180–270°, Nordwest 270–360°
- Missweisung in die richtige Richtung korrigiert (Karte → Kompass: Ost abziehen, West dazuzählen)
- Kompass flach und waagerecht, weg von Handy, Messer und Auto
- Rotes Nadelende im Nordpfeil – nicht das weiße
Der Marschzahl im Gelände folgen
Nimm den Kompass von der Karte und halte ihn flach vor der Brust, Marschrichtungspfeil nach vorn. Dreh dich mit dem ganzen Körper – nicht nur den Kompass –, bis das rote Ende der Nadel genau im Nordpfeil der Dose liegt („Rot ins Haus“). Jetzt zeigt der Marschrichtungspfeil zu deinem Ziel. Schau entlang dieser Linie, such dir einen markanten Geländepunkt – Baum, Fels, Lücke im Gebüsch –, steck den Kompass weg und geh zu diesem Punkt. Dann wiederholen. Dieses „Springen“ von Punkt zu Punkt ist viel genauer, als mit dem Blick auf der Nadel zu laufen.
Im dichten Wald oder bei Nebel liegen die Punkte vielleicht nur 20–30 m auseinander. Zu zweit kannst du deinen Partner vorschicken und ihn nach links oder rechts auf die Linie dirigieren. Nachts ist ein Begleiter mit Stirnlampe der perfekte bewegliche Zielpunkt.
Marschzahl im Gelände abnehmen
Um die Richtung zu einem sichtbaren Objekt zu bestimmen (etwa um einen Gipfel zu identifizieren), richte den Marschrichtungspfeil darauf, dreh die Dose, bis der Nordpfeil unter der Nadel liegt, und lies die Zahl ab. Um diese magnetische Marschzahl auf die Karte zu übertragen, korrigierst du die Missweisung in umgekehrter Richtung.
Einer Marschzahl folgen: von Punkt zu Punkt
- Marschzahl einstellenAus der Karte, Missweisung berücksichtigt.
- Rot ins HausDrehen, bis die Nadel im Nordpfeil liegt.
- Zielpunkt wählenBaum, Fels oder Lücke auf der Marschlinie.
- Gehen & zählenDoppelschritte zählen; wiederholen.
- Gelände abgleichenBäche, Wege, Hänge auf der Karte abhaken.
Kompassfehler nach Symptom erkennen
Kompassfehler melden sich selten selbst – das Gelände verrät sie. Vergleich, was du nach der Karte erwartest, mit dem, was du vorfindest, und arbeite dich vom Symptom zur Ursache zurück.
| Symptom | Wahrscheinliche Ursache | Abhilfe |
|---|---|---|
| Das Gelände passt spiegelverkehrt – du steigst, wo es laut Karte bergab gehen müsste | 180°-Fehler: Pfeil zeigt zu A, N zum unteren Kartenrand gedreht oder weißes Nadelende im Haus | Pfeil zum Ziel, N zum oberen Kartenrand, rotes Ende ins Haus |
| Marschzahl im falschen Quadranten (z. B. 140° für ein Ziel im Nordosten) | Dose nach der Nadel statt nach den Gitterlinien gedreht | Nordlinien neu parallel zu den Gitterlinien stellen; Richtung vorher grob schätzen |
| Du kommst immer auf derselben Seite des Ziels an | Missweisung ignoriert oder beim Umgehen von Hindernissen abgedriftet | Missweisung korrigieren; nach jedem Umweg zurück auf die Linie |
| Der Fehler ist etwa doppelt so groß wie erwartet | Missweisung in die falsche Richtung korrigiert | Karte → Kompass: Ost abziehen, West dazu. Falsches Vorzeichen macht aus 3° ganze 6° – rund 105 m pro km |
| Die Nadel bleibt jedes Mal woanders stehen | Kompass schief gehalten oder Metall und Handy in der Nähe | Waagerecht halten; Abstand zu Auto und Zaun; Handy und Messer in eine andere Tasche |
| Du läufst am Ziel vorbei | Entfernung nicht gemessen | Doppelschritte zählen, Zeit notieren, Auffanglinie hinter dem Ziel wählen |
Missweisung (Deklination): Warum der Kompass nicht genau nach Norden zeigt
Die Kompassnadel zeigt nach magnetisch Nord – nicht nach geografisch Nord (dem Pol) und nicht nach Gitternord (der Richtung der Gitterlinien). Den Winkel zwischen magnetisch und geografisch Nord nennt man Missweisung oder Deklination. Sie hängt vom Ort ab und verändert sich langsam über die Jahre, weil der magnetische Pol wandert.
Viele topografische Karten geben am Rand die Missweisung oder die Nadelabweichung gegenüber Gitternord an, mit Bezugsjahr und jährlicher Änderung. Online-Rechner geologischer und geomagnetischer Dienste liefern aktuelle Werte für jeden Ort. Als grobe Orientierung für 2026: In Deutschland ist die Missweisung klein und östlich – etwa 2–5° Ost, im Westen weniger, im Osten mehr. In Großbritannien liegt sie nahe null, in Nordamerika reicht sie von stark westlich im Nordosten bis stark östlich im Nordwesten. Prüf immer eine aktuelle Quelle.
Missweisung korrigieren
Für die Umrechnung von der Karte (Gitter) zum Kompass gilt: Östliche Missweisung abziehen, westliche dazuzählen. Vom Kompass zur Karte rechnest du umgekehrt. Manche Kompasse haben eine einstellbare Missweisungskorrektur – einmal eingestellt, rechnet der Kompass für dich.
So weit liegst du nach 1 km daneben, wenn du einen Fehler nicht korrigierst
In Deutschland ignorieren viele Wanderer die wenigen Grad Missweisung auf kurzen Strecken – aber schon 4° bringen dich auf 1 km rund 70 m zur Seite. Das reicht, um einen kleinen Trekkingplatz oder eine Quelle im Wald zu verfehlen. In Teilen Nordamerikas mit mehr als 15° Missweisung ist Ignorieren schlicht keine Option.
Rechenbeispiel: In welche Richtung drehe ich die Dose?
Du hast aus der Karte eine Gitter-Marschzahl von 50° abgenommen, der Kartenrand nennt 3° östliche Missweisung. Östliche Missweisung abziehen: 50° − 3° = 47°, also drehst du die Dose, bis 47 an der Ablesemarke steht. Bei 3° westlicher Missweisung zählst du dazu und stellst 53° ein. Umgekehrt – von einer im Gelände gemessenen Richtung zur Karte – wechselst du das Vorzeichen: Magnetisch 47° werden bei östlicher Missweisung auf der Karte zu 50°.
Korrigierst du in die falsche Richtung, hebt sich der Fehler nicht auf, er verdoppelt sich: Statt 3° liegst du 6° daneben, rund 105 m pro Kilometer. Schnelle Kontrolle: Bei östlicher Missweisung ist die magnetische Marschzahl die kleinere Zahl. Mit einer einstellbaren Missweisungskorrektur stellst du den Wert einmal ein, danach zeigt die Dose direkt Kartenwerte – prüf die Einstellung vor jeder Tour.
Standort bestimmen: Kreuzpeilung und Rückwärtspeilung
Siehst du markante Punkte, weißt aber nicht genau, wo du bist, bestimmst du deinen Standort per Kreuzpeilung (Rückwärtseinschneiden). Das funktioniert am besten in offenem Gelände mit sichtbaren Gipfeln, Türmen, Kirchtürmen oder auffälligen Gebäuden.
- Such zwei oder besser drei Geländepunkte, die du siehst und auf der Karte findest – idealerweise 60–90° auseinander.
- Peil den ersten Punkt von deinem Standort aus an.
- Rechne die magnetische Marschzahl in eine Kartenrichtung um (Missweisung umgekehrt korrigieren).
- Bilde die Rückwärtspeilung (Gegenrichtung): 180° dazuzählen, wenn die Zahl kleiner als 180° ist, 180° abziehen, wenn sie größer ist.
- Leg den Kompass mit der Kante an den Geländepunkt auf der Karte, stell die Rückwärtspeilung ein (Nordlinien parallel zu den Gitterlinien) und zieh eine Linie vom Punkt entlang der Kante.
- Wiederhole das mit dem zweiten und dritten Punkt. Wo sich die Linien schneiden, bist du. Drei Linien bilden meist ein kleines Fehlerdreieck – du stehst darin.
Einfacher geht es mit einer Peilung und einer Linie im Gelände: Weißt du, dass du auf einem bestimmten Weg, Bach oder Rücken stehst, reicht eine Peilung zu einem Geländepunkt. Dein Standort liegt dort, wo die Linie der Rückwärtspeilung diesen Weg schneidet.
Profi-Techniken: Vorhalten, Leitlinien und Angriffspunkte
Erfahrene Navigatoren laufen selten lange, gerade Kompassstrecken. Sie nutzen das Gelände, um die Navigation zu erleichtern und Fehler harmlos zu machen. Mit diesen vier Techniken wirst du deutlich zuverlässiger als mit präziser Kompassarbeit allein.
Leitlinien
Eine Leitlinie (englisch „handrail“) ist ein langes Geländemerkmal, das grob in deine Richtung führt: Weg, Bach, Waldrand, Mauer, Stromtrasse oder Tal. Ihr zu folgen kostet kaum Konzentration. Plane Routen als Kette von Leitlinien mit kurzen Kompassstrecken dazwischen.
Auffanglinien
Eine Auffanglinie liegt quer zu deiner Route, kurz hinter dem Ziel – eine Straße, ein Fluss, ein Seeufer. Erreichst du sie, weißt du: zu weit gegangen. Sie schützt dich davor, am Ziel vorbeizulaufen.
Bewusstes Vorhalten
Angenommen, du willst eine Brücke über einen Bach erreichen. Peilst du sie direkt an und kommst am Bach an, weißt du nicht, ob die Brücke links oder rechts liegt. Stattdessen hältst du bewusst vor – etwa 5–10° nach links. Triffst du auf den Bach, weißt du sicher: Die Brücke liegt rechts. Jedes Grad Versatz verschiebt dich pro Kilometer um rund 17 m zur Seite, 5° also um etwa 90 m.
Angriffspunkte
Für ein kleines Ziel – eine Quelle, einen Trekkingplatz, einen Findling – navigierst du zuerst zu einem nahen, leicht auffindbaren Merkmal (Wegkreuzung, Bachknick, Kuppe): dem Angriffspunkt. Von dort nimmst du eine kurze, genaue Marschzahl und zählst die Doppelschritte bis zum Ziel. Je kürzer die letzte Strecke, desto kleiner der Fehler.
Vorhalten und Angriffspunkt in der Praxis
1
Das Problem der direkten PeilungPeilst du eine Brücke direkt an, bringt dich schon ein kleiner Fehler irgendwo an den Bach – und du weißt nicht, ob die Brücke links oder rechts liegt.
2
5–10° bewusst vorhaltenHalte absichtlich zu einer Seite vor, hier nach links. Jedes Grad versetzt dich pro Kilometer um rund 17 m, du landest also sicher auf einer Seite der Brücke.
3
In die bekannte Richtung abbiegenAm Bach weißt du: Die Brücke liegt rechts. Der Bach wird zur Leitlinie und führt dich direkt hin.
4
Angriffspunkt für kleine ZieleFür eine Quelle oder einen Findling gehst du zuerst zu einem leicht auffindbaren Angriffspunkt wie einer Wegkreuzung. Von dort nimmst du eine kurze, genaue Marschzahl und zählst die Doppelschritte bis zum Ziel.
Direkte Peilung vs. bewusstes Vorhalten
Direkte Peilung
- Kürzester Weg auf dem Papier
- Kleine Fehler summieren sich unbemerkt
- An einer Linie im Gelände weißt du nicht, wohin
- Gut für kurze Strecken ab Angriffspunkt
Bewusstes Vorhalten
- Absichtlicher Versatz von 5–10° zu einer Seite
- Am Geländemerkmal weißt du genau, wohin
- Etwas länger, aber viel zuverlässiger
- Ideal für Ziele an Bächen, Wegen oder Waldrändern
Entfernung messen: Schrittzählen und Gehzeit
Die Richtung ist nur die halbe Navigation – du musst auch wissen, wie weit du gegangen bist. Im Wald ohne Fernsicht entscheidet die Entfernungsschätzung oft darüber, ob du ankommst oder dich verläufst.
Schrittzählen mit Doppelschritten
Gezählt werden Doppelschritte: jedes Mal, wenn dein linker (oder rechter) Fuß aufsetzt. Die meisten Erwachsenen brauchen auf ebenem Boden etwa 60–70 Doppelschritte pro 100 m. Kalibriere deinen Wert, indem du eine gemessene 100-m-Strecke dreimal abgehst und den Mittelwert bildest. Bergauf, im Unterholz, im Schnee, nachts und mit schwerem Rucksack werden die Schritte kürzer – der Schrittzähl-Rechner berücksichtigt Steigung, Untergrund und Dunkelheit und rechnet Entfernungen in Doppelschritte um und zurück.
Für längere Strecken helfen Ranger-Perlen: eine Schnur mit zwei Reihen verschiebbarer Perlen. Alle 100 m schiebst du eine untere Perle, nach zehn Perlen eine obere für einen Kilometer und setzt die unteren zurück. Ein Steinchen, das du von einer Tasche in die andere steckst, tut es auch.
| Bedingung | Typischer Zuschlag | Doppelschritte pro 100 m |
|---|---|---|
| Ebener Pfad | Basiswert | 64 |
| Bergauf | + ca. 12 % | ≈ 72 |
| Steil bergauf | + ca. 25 % | ≈ 80 |
| Bergab | + ca. 5 % | ≈ 67 |
| Rau / Unterholz | + ca. 12 % | ≈ 72 |
| Schnee oder Sand | + ca. 20 % | ≈ 77 |
| Nachts | + ca. 10 % | ≈ 70 |
Faktoren wie im Schrittzähl-Rechner; bei gemischten Bedingungen kombinieren. Eigenen Basiswert kalibrieren.
Gehzeit berechnen: Naismith und DIN-Formel
Die Gehzeit ist die zweite Entfernungskontrolle. Die Naismith-Regel liefert einen Basiswert: 1 Stunde pro 5 km plus 1 Stunde pro 600 Höhenmeter im Aufstieg. Die Langmuir-Korrektur berücksichtigt Abstiege: etwa 10 Minuten mehr pro 300 m steilem Abstieg, etwa 10 Minuten weniger pro 300 m sanftem Abstieg. Dazu kommen Gelände (weglos dauert oft 1,5-mal so lange oder mehr), das Gewicht deines Rucksacks, die Kondition und Pausen. Der Gehzeit-Rechner erledigt das und nennt dir die Ankunftszeit.
Im deutschsprachigen Raum ist außerdem die Formel nach DIN 33466 verbreitet, die auch Alpenvereine verwenden: 4 km pro Stunde in der Horizontalen, 300 Höhenmeter pro Stunde bergauf und 500 bergab; zur größeren der beiden Zeiten (horizontal oder vertikal) addierst du die Hälfte der kleineren. Beide Methoden liefern Richtwerte – dein eigenes Tempo kennst du nach ein paar Touren am besten.
Praxisbeispiel: Mit etwa 4 km/h auf einem Forstweg brauchst du für 250 m rund 4 Minuten. Bist du doppelt so lange unterwegs, ohne das erwartete Merkmal erreicht zu haben: stehen bleiben und prüfen.
Verlaufen – was tun?
Jeder, der navigiert, ist irgendwann „vorübergehend orientierungslos“. Gefährlich ist nicht der Fehler, sondern einfach weiterzugehen und ihn zu vergrößern. Nutze die STOP-Methode: Stehen bleiben, Tief durchatmen und nachdenken, Orientieren, Planen.
Verlaufen – und jetzt?
Kennst du den letzten Punkt, an dem du deinen Standort sicher wusstest?
Ja → Aus Zeit und Schrittzahl schätzen, wie weit und wohin du seitdem gegangen bist.Nein → Stehen bleiben, beruhigen, nach erkennbaren Merkmalen suchen.Siehst du markante Geländepunkte?
Ja → Kreuzpeilung machen oder Höhenlinien mit dem Gelände abgleichen.Nein → Nur wenn es sicher und nah ist, zu einer Kuppe oder Lichtung gehen.Gibt es eine Auffanglinie (Straße, Fluss, Waldrand), die du sicher per Marschzahl erreichst?
Ja → Per Marschzahl hingehen und ihr als Leitlinie folgen.Nein → Den Weg zum letzten sicheren Punkt zurückgehen.Drohen Dunkelheit, Unwetter oder Verletzung?
Ja → Anhalten, Lager oder Schutz einrichten, bei Bedarf Hilfe rufen.Nein → Vorsichtig weitergehen und jedes Merkmal prüfen.
Bricht die Nacht herein, ist es oft klüger, ein einfaches Lager aufzuschlagen, als im Dunkeln weiterzustolpern – siehe Lageraufbau und Lagerplatz finden. Wie viel Licht du noch hast, zeigt der Sonnenuntergang-Rechner. Im Notfall wählst du den europäischen Notruf 112 und nennst deine UTM- oder GPS-Koordinaten.
Karte, Kompass und GPS: Übungsplan und Ausrüstung
Ein Handy mit Offline-Karten und GPS ist ein hervorragendes Werkzeug – aber Akkus sterben in der Kälte, Displays versagen im Regen, und in tiefen Tälern ist das Signal oft weg. Nutze Karte und Kompass als Hauptsystem und GPS zur schnellen Positionskontrolle (oder umgekehrt), aber hab immer beides dabei und beherrsche beides. Halte das Handy warm, im Flugmodus und mit Powerbank.
Ein einfacher Übungsplan
- Woche 1: Auf einer bekannten Runde an jeder Kreuzung die Karte einnorden und den Daumen mitführen.
- Woche 2: Doppelschritte kalibrieren; gemessene Strecken auf einem Forstweg gehen.
- Woche 3: Marschzahlen von der Karte zu Wegkreuzungen nehmen und ihnen durch lichten Wald folgen.
- Woche 4: Eine Route mit Leitlinien, Vorhalten und Angriffspunkten zu einem kleinen Ziel planen.
- Danach: Nebel, Dämmerung und kurze Nachtstrecken mit Partner. Orientierungslaufvereine bieten feste Bahnen, die sich perfekt zum Üben eignen.
Kurze Kompassübungen
- Erst schätzen: Bevor du den Kompass auf die Karte legst, schätz die Marschzahl mit dem Auge und schreib sie auf. Dann nimm sie sauber ab. Große Unterschiede zeigen dir, wo sich ein 180°- oder Quadrantenfehler eingeschlichen hätte.
- Kompass-Quadrat: Leg auf einer offenen Wiese eine Markierung ab und geh vier Strecken auf 0°, 90°, 180° und 270° mit jeweils gleich vielen Doppelschritten. Arbeitest du sauber, endest du nahe der Markierung; ein gleichbleibender Versatz zeigt deine persönliche Abdrift.
- Hin und zurück: Geh 100 m auf einer Marschzahl, bilde die Rückwärtspeilung (± 180°) und geh zurück. Du solltest am Start ankommen – gute Übung für die Rückwärtspeilung, die du für die Kreuzpeilung brauchst.
Checkliste Navigationsausrüstung
- Topografische Karte 1:25.000 in wasserdichter Hülle
- Plattenkompass (ideal mit Spiegel und Missweisungskorrektur)
- Bleistift und kleines Notizbuch für Marschzahlen und Zeiten
- Ranger-Perlen oder einfacher Zähler
- Uhr
- Handy mit Offline-Karten, Powerbank
- Stirnlampe, Trillerpfeife und ein kleines Erste-Hilfe-Set
Nimm diese Dinge in deine Bushcraft-Packliste auf oder stell mit dem Ausrüstungsplaner eine komplette Liste zusammen. Weitere Fertigkeiten findest du unter allen Bushcraft-Fertigkeiten, vom Spurenlesen, das dieselbe Beobachtungsgabe trainiert, bis zu den wichtigsten Knoten. Du planst eine Tour mit Übernachtung in Deutschland? Dann lies vorher Wildcampen in Deutschland und plan deine Wasserstellen mit Wasser finden.

| Technik | Was sie leistet | Wann einsetzen |
|---|---|---|
| Karte einnorden | Karte und Gelände in Übereinstimmung bringen | An jeder Kreuzung und Pause |
| Marschzahl bestimmen | Richtung von der Karte auf den Kompass | Weglose Strecken, schlechte Sicht |
| Missweisung korrigieren | Gitter- in Magnetrichtung umrechnen | Bei großer Missweisung und langen Strecken |
| Kreuzpeilung | Standort aus Geländepunkten bestimmen | Offenes Gelände, bei Unsicherheit |
| Bewusstes Vorhalten | Fehler berechenbar machen | Ziele an Linien im Gelände |
| Schrittzählen | Entfernung messen | Wald, Nebel, Nacht, kurze Strecken |
Häufige Fehler
- Beim Abnehmen von der Karte die Dose nach der Nadel statt nach den Gitterlinien ausrichten.
- Den Marschrichtungspfeil falsch herum anlegen – und 180° in die falsche Richtung laufen.
- Den Kompass neben Handy, Messer oder Auto halten, was die Nadel ablenkt.
- Die Missweisung auf langen Strecken oder in Gebieten mit großer Abweichung ignorieren.
- Beim Gehen auf die Nadel starren, statt von Geländepunkt zu Geländepunkt zu springen.
- Keine Entfernung messen und am Ziel vorbeilaufen.
- Weitergehen, obwohl das Gelände nicht mehr zur Karte passt.
Das brauchst du
- Topografische Karte 1:25.000
- Plattenkompass oder Spiegelkompass
- Wasserdichte Kartenhülle
- Ranger-Perlen
- Bleistift und Notizbuch
- Handy mit Offline-Karten und Powerbank